Nihilismus

Nihilismus kommt von dem lateinischen Wort „nihil“ – nichts – und stellt fest, da ist nichts, zumindest nichts Erkennbares oder etwas, was eine Bedeutung oder einen Sinn hat.

Nun unterhalten wir uns und formulieren sinnvolle Sätze wie zum Beispiel: „Da ist nichts“. Wie löst der Nihilismus dieses Problem? Der Zusammenhang zwischen Wirklichkeit und Sprache wird aufgelöst und sinnvolle Aussagen als Illusion entlarvt. Illusion kommt vom lateinischen Wort „ludere“ – spielen – und kann auch mit dem Synonym Täuschung wieder­gegeben werden. Die Sprache schaffe eine illusionäre Welt, weil sie einen Zusammenhang von Wirklichkeit und Wort suggeriert. Doch genau betrachtet liege der Mensch dabei einer Selbsttäuschung auf, denn es gibt keinen Zusammenhang von Sein und Erkennen. Infolge­dessen seien Wahrheit, Moral, Kultur, Wert und Sinn nur Täuschungen. Im Grund genommen sei „das Dasein, so wie es ist, ohne Sinn und Ziel“, so Nietzsche. Da ist nichts – kein Wesen, kein Ding an sich, kein Kosmos, kein Anfang und kein Ziel.

Der menschliche Intellekt nehme sich viel zu wichtig. Genau betrachtet, komme er nur zu kläglichen Ergebnissen, welche mächtig aufgeblasen und Wahrheit genannt werden. Der Intellekt sei nur ein Werkzeug zur Erhaltung des Individuums und in erster Linie ein Instrument zur Täuschung, wozu vor allem die sogenannte Wahrheit dient. Wahrheiten seien „Illusionen, von denen wir vergessen haben, dass sie Illusionen sind“, insbesondere „die wir lieb gewonnen haben“, stellt Nietzsche fest. Doch wir brauchen diese Täuschungen, um uns am Leben zu erhalten und es vor allem miteinander auszuhalten.

Das vorzügliche Instrument des menschlichen Intellekts ist die Sprache. Das Wort sei nur die Abbildung eines Nervenreizes und könne bestenfalls die Benennung einer Sache sein. Hier werde die Verwandlung der Welt in ein menschenartiges, nämlich sprachliches Ding deutlich. Einen Zusammenhang von Wort und Realität könne es nicht geben.

Allerdings hat der Nihilismus auch ein grundlegendes Problem, und das darf nicht verschwiegen werden. Wie will der Nihilist jemand anderem seine Einsicht mitteilen? Wenn er Wahrheit ablehnt, müsste er doch demjenigen, der dummerweise noch an Wahrheit glaubt, seinen Irrtum aufzeigen, so dass der naive Wahrheitsgläubige sich bessern und seinen Fehler einsehen kann. Das kann ja nur mit der Hoffnung auf Verstehen und mittels wahrheitsfähiger Sätze geschehen. Formuliert der Nihilist einen sinnvollen Satz, widerlegt er sich selbst, denn wer spricht oder einen Gedanken in Worte kleidet, vertraut unter der Hand darauf, dass er verstanden werden kann und damit auf die Wahrheitsfähigkeit der Sprache.

Der Nihilismus zerreißt den Zusammenhang von Sein und Denken völlig, so dass „nichts“ mehr übrig bleibt. „Das Dasein so wie es ist, ohne Sinn und Ziel“ beschreibt den Zustand der Welt, nämlich Sinnleere und Wertlosigkeit. Sinn und Ziel kann nur der Mensch ins Spiel bringen. Allerdings muss er auch Sinn machen, oder es gibt keinen.

„Es geht doch immer nur darum, dass eine, dass die Geschichte sich selbst erzählen kann. Wir alle sind nichts als leise Stimmen im kakophonen Chor, gelegentlich ein vorwitziges Solo spielend, nie mehr als wenige Sekunden, wenige Zeilen lang. Und damit ist alles gesagt.“ Juli Zeh, Spieltrieb, München 2004, [letzte Worte des Romans] S. 566.

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