Philosophieren als Christ (1)

Unter Philosophie verstehe ich ein staunendes Hinblicken auf die Wirklichkeit mit der Intention, zu sehen, was ist. Dieses intellektuelle Sehen geschieht frei, nämlich frei von irgendwelchen Zwecksetzungen oder Verfolgung von Interessen. So verstanden, ist Philosophie die Haltung einer Person: Offenheit, Wirklichkeit verstehen wollen und „mit der Weisheit befreundet“ sein. Dabei steht der Philosophie die Vernunft als Erkenntnisquelle zur Verfügung – eine Vernunft, die alle Menschen haben.

Auch ein Christ ist Mensch und verfügt in der Vernunft über eine Erkenntnisquelle. Bei ihm kommen jedoch zwei weitere Quellen hinzu: das Wort Gottes, an dessen Wahrheit er glaubt, und die Tradition der Christenheit, wie zum Beispiel das Glaubensbekenntnis. Darum nötigt das Wort Gottes, die Offenbarung, einen Christen, Wirklichkeit aus einer anderen Perspektive zu sehen und den Horizont sehr weit zu spannen. Er steht immer in der Spannung von Glaube und Vernunft.

Deutlich wird das an den Axiomen. Ein Axiom ist eine unbewiesene Grundannahme, die angenommen bzw. geglaubt wird. Zum Beispiel ist in der Mathematik ein Axiom, dass die 0 von der 1 unterschieden ist. Christen haben um ihre Axiome gestritten, aber letztendlich im Glaubensbekenntnis ausformuliert und auf den Tisch gelegt, wodurch sie freilich angreifbar und als dogmatisch verschrien werden können:

„Ich glaube an den einen Gott, den allmächtigen Vater, Schöpfer des Himmels und der Erde, aller sichtbaren und unsichtbaren Dinge. Und an den einen Herrn, Jesus Christus, Gottes einzig geborenen Sohn. … Durch ihn ist alles geschaffen. …“

Am Beispiel des Schöpfungsglaubens möchte ich das Philosophieren als Christ skizzieren. Ein Schöpfer, der Wirklichkeit schafft, sie bewegt, mit Vernunft ordnet und ihr so das Maß gibt, wird geglaubt. In ihm gibt es die eine, absolute Wahrheit. Die Schöpfung schafft dieser Kreator, und darum kann die Wirklichkeit als ein Ganzes (Universum) verstanden werden, in der ganz verschiedenen Geschöpfe in Symbiose leben. Insbesondere die Lebendigkeit und Schönheit der Schöpfung offenbart den Schöpfer. Ein Geschöpf hebt sich von den anderen ab – nämlich wir Menschen. Wir partizipieren an der Vernunft und können so Wirklichkeit verstehen, das heißt, menschliches Denken korrespondiert mit Wirklichkeit. Freilich irren wir auch und kommen nur zu vorläufigen Erkenntnissen und vielen hypothetischen Wahrheiten. Des weiteren verfügt dieser vernunftbegabte Mensch über Freiheit und Handlungsspielraum. Ein moralisches Subjekt ist er. Diese Schöpfung, dieses Universum, ist zwar gut, aber nicht perfekt. Sie erwartet ihre Vollendung.

Das Axiom, Wirklichkeit als die Kreatur eines Schöpfers zu verstehen, löst zwar einige durchaus philosophische Probleme, handelt sich allerdings auch neue ein und provoziert unsere Weltanschauung gehörig. Ein Christ muss im Wort Gottes einige Dinge zur Kenntnis nehmen, die ihm wahrscheinlich nicht schmecken, ihn irritieren und vielleicht sogar ärgern. Darüber möchte ich im zweiten Teil sprechen.

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