Philosophieren als Christ (2)

Wenn ein Christ die Wirklichkeit als Schöpfung aus der Hand eines Schöpfers glaubt, so sagte ich im 1. Teil, löst er einige Probleme wie zum Beispiel, warum Menschen Wirklich-keit verstehen können. Andere Probleme bzw. Ärgernisse handelt er sich allerdings durch seinen Glauben ein:
Die Welt sei nicht perfekt. Defekte wie Schuld, Sünde, Begehren des Schlechten kennzeich-nen ihre Logik. Die Welt könne nicht halten, was sie verspricht, und darum dürfe sich ein Christ nicht an sie verlieren. Eine zweite Provokation: Mein Leben endet nicht mit dem Tod, es geht viel weiter, als ich sehen kann. Drittens: Ich gehöre mir nicht selbst, und darf mit mir darum nicht machen, was ich will. Die vierte Provokation ist vielleicht am ärgerlichsten: Glück. Wenn es so etwas wie einen Bliss-Point (Sättigungspunkt) gibt, dann stellen sich die Fragen. Was sättigt mich wirklich? Wo kommt mein Begehren zur Ruhe? Was füllt meine Seele vollständig aus? Einige Philosophen wie Aristoteles sind der Meinung, durch ein gu-tes, tugendhaftes Leben erwirke ich mir mein Glück selbst. Darum haben heute Themen wie Lebensqualität und Lebenskunst Konjunktur. Ein Christ wird mit einer anderen Position konfrontiert: Dein Glück, die Erfüllung deines Lebens, kannst du nicht selbst machen, es wird Dir geschenkt. Nur Gott – der Schöpfer und Erlöser – könne deine Seele so ausfüllen, dass alles Verlangen gesättigt ist. Diese Liste der Ärgernisse oder Kränkungen unseres Selbstwertgefühls lässt sich bestimmt weiterführen.

Philosophiert ein Christ, gerät er immer in die Spannung von Glaube und Vernunft. Das Wort Gottes, insofern er es als Wahrheit glaubt, nötigt ihn und lässt ihn auflaufen. Aller-dings schützt ihn sein Glaube vor Reduktionismus, vor Ausblendungen und billiger Harmo-nisierung. Bei allem Erkenntnisgewinn und Fortschritt bleibt Wirklichkeit ein Geheimnis. Vor allem schützt ihn sein Glaube vor Resignation.

„Christliches Philosophieren stellt sich unter die Nötigung, eine über den Bereich bloßer Denkschwierigkeiten hinausreichenden Spannung durchzuhalten. Es verbietet sich, dadurch zu einleuchtenden Formulierungen zu kommen, dass man von der Wirklichkeit absieht, auswählt, weglässt. Christliches Philosophieren wird durch Of-fenbarung gezwungen, großräumiger zu denken, vor allem: sich nicht zufrieden zu geben mit der Flachheit irgendwelcher Harmonismen.“ Josef Pieper

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