Muße

„Wir arbeiten, um Muße haben zu können.“ Aristoteles
Gegenwärtig erleben wir einen Ausschließlichkeitsanspruch der Arbeit. Wir trauern nicht mehr, sondern leisten Trauerarbeit, wir lieben nicht, sondern leisten Beziehungsarbeit, wir erziehen nicht unsere Kinder, sondern leisten pädagogische Arbeit. Dieser sprachliche Blödsinn gibt die Mußelosigkeit unserer Zivilisation wieder. Am Ende steht der Workaholic, der sich nicht mehr beruhigen und vor der Arbeit abschalten kann, der sich nicht mehr unterhalten kann und sich schließlich das Leben nimmt. Arbeitssucht führt zur Verzweiflung – zur Trägheit des Herzens. Vielleicht können wir von der Antike lernen: Muße heißt griechisch „schole“ und zu ihr gehören Erziehung, Sport, Gottesdienst, Essen, Gespräche, Schauspiel. Muße meint Raum und Zeit für Aktivitäten ohne Zwecksetzung, für Aktivitäten um ihrer selbst willen. Josef Pieper skizziert sie sehr schön:
  1. „Muße ist eine Gestalt jenes Schweigens, das eine Voraussetzung ist für das Vernehmen von Wirklichkeit: nur der Schweigende hört; und wer nicht schweigt, hört nicht. … Muße ist die Haltung des empfangenden Vernehmens, der anschauenden, kontemplativen Versenkung in das Seiende. … Die Muße ist nicht die Haltung dessen, der eingreift, sondern dessen, der sich öffnet; nicht dessen, der zupackt, sondern dessen, der loslässt, der sich loslässt und überlässt – so auch werden dem Menschen die großen, die glücklichen, die niemals erjagbaren Einsichten und Einfälle vor allem in der Muße zuteil.
  2. Gegen die Ausschließlichkeit des Richtbildes der Arbeit als Mühe steht die Muße als feiernde Haltung. Die innere Festlichkeit des Feiernden gehört, wie auch das unvergleichliche deutsche Wort ‚Feierabend’ zu bedenken gibt, zum Kern dessen, was wir mit Muße meinen. … Muße lebt aus der Bejahung. Muße ist nicht einfach dasselbe wie Nicht-Aktivität; sie ist nicht das gleiche wie Stille, auch nicht dasselbe wie innere Stille. Sie ist wie die Stille im Gespräch der Liebenden, das aus der Übereinstimmung sich nährt. … Die höchste Form der Bejahung aber ist das Fest: die Bejahung des Sinngrundes der Welt und die Übereinstimmung mit ihm. …
  3. Die Muße steht gegen die Ausschließlichkeit des Richtbildes der Arbeit als sozialer Funktion. Die bloße Arbeitspause, mag sie nun eine Stunde dauern oder eine Woche oder noch länger, ist durchaus dem Bereich des werktäglichen Arbeitslebens zugehörig. Sie ist eingekettet in den zeitlichen Ablauf des Arbeitstages; sie ist ein Stück von ihm. Die Pause ist um der Arbeit willen da. Sie soll ‚neue Kraft zu neuer Arbeit’ geben, wie auch der Begriff der Erholung besagt, dass man sich erhole sowohl von der Arbeit wie für die Arbeit.“ (Josef Pieper, Kulturphilosophische Schriften [Werke Bd. 6, hrsg. v. B. Wald], Hamburg 1999, S. 16ff.)
Zur Kompetenz einer Führungskraft gehört, dass sie sich zwischen Arbeit und Muße ausbalanciert, denn dank der Kommunikationstechnologie des Webs kann sie an jedem Ort und zu jeder Stunde arbeiten; und das wird vielleicht auch von ihr erwartet. Darum gewinnt work-life-balance an Bedeutung: ein kultivierter Lebensstil.

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