Spielwitz

Seit einigen Jahren erlebt eine mittelalterliche Vorstellung vom Menschen eine Auferstehung, die nahezu schon Mode geworden ist: der spielende Mensch „homo ludens“. An vielen Ecken hört man, dass Kinder spielend lernen sollen, dass in Unternehmen kreative Lösungen spielend gefunden werden und dass Entscheidungen in Spielsituationen generiert werden. Wie kommt es, dass der Mensch als „homo ludens“ wiederentdeckt wird? Darf man überhaupt so unernst an den Menschen herangehen? Als bekennender Spieler unternehme ich es.

Bei einem gutem Spiel, wie zum Beispiel beim Skat, werden die Karten ausgeteilt, und welche Karten man auf die Hand bekommt, unterliegt dem Zufall. Diese Zufälligkeit der Chancen akzeptieren die Spieler. Darüber hinaus hat das Spiel feste Regeln, an die sich jeder Spieler bindet, also akzeptiert. Im Spiel gilt es nun, das beste aus seinen Karten zu machen, das heißt mit Aufmerksamkeit und einer gewissen Logik – auf Sächsisch „mit Spielwitz“ – die Karten zu spielen. Mit der Zeit lernt der Spieler durch Übung und Erfahrung, nicht nur seine Karten im Blick zu haben und seine Logik zu verfolgen, sondern auf das Spiel der anderen einzugehen, sich in ihre Lage zu versetzen und ihre Gedanken zu lesen. Bemerkenswert ist auch, dass selbst ein verlorenes Spiel noch Freude bereiten kann. Wenn dieser und jener Zug gelingt, wenn man sich mit den anderen versteht und nicht „schwarz“ gespielt – also gedemütigt – wurde, kann das Spiel immer noch Freude machen. Sieg oder Gewinn sind nicht unbedingt der Lohn des Spiels, sondern die Freunde am Spielen; das heißt, Sinn und Zweck des Spiels liegen im Spielen selbst.

Nimmt man nun so ein Spiel als Metapher für das Leben eines Menschen, dann lassen sich einige Parallelen erkennen. Wir Menschen werden geboren und können uns weder die Eltern, noch den Geburtsort oder den Zeitpunkt der Geburt und vieles andere aussuchen. Mit diesen Fakten, Umständen und Chancen können wir leben, sie akzeptieren und aus ihnen etwas Sinnvolles machen. Ob wir gewinnen oder verlieren, ob wir auf dem Treppchen stehen oder das Nachsehen haben, steht auf einem anderen Blatt geschrieben, und es ist müßig, sich über schlechte Karten und das Glück der anderen zu beschweren. Einerseits spielen die Umstände, Chancen und ungleich verteilte Talente eine Rolle, andererseits aber auch die persönliche Lebensführung, die sogar aus einer scheinbaren Benachteiligung eine Stärke machen kann.

Das Spiel geht kaputt oder wird zur Spielsucht, wie das Dostojewskij sehr anschaulich im Roman „Der Spieler“ schildert, wenn man immer gewinnen will und nur den Sieg im Sinn hat. Diese Begierde saugt alle Lebensenergie aus dem Spieler und hinterlässt ihn leer wie eine Hülse. Derjenige, der immer im Spiel gewinnen will, sucht Erfüllung, findet aber nur Erschöpfung. Langfristig wird er auch verlieren. Das Glück liegt nicht im Gewinn, denn dieser suggeriert nur Glück, sondern im Spielen, in einer Tätigkeit.

Kann man diese Einsicht auch auf unser Leben übertragen? Was macht das Leben lebenswert? Worin liegt der Sinn des Lebens? Einige Angebote kann man ja mal durchgehen und mit Spielwitz prüfen: das Vermächtnis, der Fensterplatz im Himmel, die zahlreiche Nachkommenschaft, das Nicht-Vergessenwerden. Diese Angebote schmecken nach Gewinn, sind also Surrogate und haben Suchtpotential. Was macht das Leben lebenswert? Ich vermute irgendeine Tätigkeit.

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