Subsidiarität

In politischen Diskussionen, insbesondere wenn es um Zuständigkeiten in der europäischen Union geht oder Verteilungsfragen im Sozialstaat geht, taucht gelegentlich das Wort Subsidiarität auf. In der Sache geht es darum, in welcher Zuständigkeit jemandem geholfen werden soll.

Weil es 1931 zum ersten Mal von Oswald von Nell-Breuning ausformuliert wurde, lasse ich ihn zu Wort kommen: „Für dieses Prinzip hat der Volksmund eine zwar scherzhaft klingende, dafür aber sehr anschauliche Wendung: ‚die Kirche nicht aus dem Dorf tragen‘. Was im Dorf, in der Ortsgemeinde geleistet werden kann, das trage man nicht an das große öffentliche Gemeinwesen Staat heran; was im engeren Kreis der Familie erledigt werden kann, damit befasse man nicht die Öffentlichkeit; was man selbst tun kann, damit behellige man nicht andere. Das sind praktische Anwendungsfällte, aus denen unmittelbar abzulesen ist, worum es beim Subsidiaritätsprinzip geht. Man kann die Reihenfolge bilden: Selbsthilfe – Nachbarschaftshilfe – Fernhilfe. Alle Vergesellschaftung soll für den Menschen ‚hilfreich‘ sein, das heißt, zu seinem Einzelwohl beitragen. Nun aber kommt dem Menschen für das, worin wesentlich sein Wohl besteht, nämlich für die Entfaltung seiner Persönlichkeit, nichts anderes so sehr zustatten wie das eigene Tun, die eigene Leistung, die Selbstbewährung. … Darum fordert das Subsidiaritätsprinzip: was der einzelne aus eigener Initiative und eigener Kraft leisten kann, darf die Gesellschaft ihm nicht entziehen und an sich reißen, ebenso wenig darf das, was das kleinere und engere soziale Gebilde zu leisten und zum guten Ende zu führen vermag, ihm entzogen und umfassenderen oder übergeordneten Sozialgebilden vorbehalten werden. Auch dieses Prinzip leitet sich unmittelbar her aus dem Verhältnis von Einzelwohl und Gemeinwohl; das Ganz soll dem Glied, soweit diesem Hilfe überhaupt dienlich sein kann, möglichst gut helfen. Die beste Gemeinschaftshilfe ist die Hilfe zur Selbsthilfe; wo immer Gemeinschaftshilfe zur Selbsthilfe möglich ist, soll daher die Selbsthilfe unterstützt, Fremdhilfe dagegen nur dann und insoweit eingesetzt werden, wie Gemeinschaftshilfe zur Selbsthilfe nicht möglich ist oder nicht ausreichen würde. … Recht verstanden hält das Subsidiaritätsprinzip genau die goldene Mitte: positiv gewendet wehrt es der individualistischen, negativ gewendet der kollektivistischen Einseitigkeit.“ Oswald von Nell-Breuning SJ, Gerechtigkeit und Freiheit, Wien 1980, S. 48-50.

 

Die Solidarität stellt den Anspruch fest, und die Subsidiarität regelt die Art und Weise der Hilfe. Wie wird geholfen? Wer hilft? Der Akzent liegt auf der Hilfe zur Selbsthilfe.

  1. Eigenverantwortung. Jeder Mensch ist der Akteur seines Lebens und hat damit auch die Pflicht, sein Leben zu führen.
  2. Hilfe zur Selbsthilfe. Wenn jemand nicht in der Lage ist, sein Leben selbständig zu führen, muss ihm geholfen.
  3. Die größere soziale Einheit hilft. Wenn die Hilfe zur Selbsthilfe nicht greift, erst dann hat die nächst höhere soziale Einheit das Recht, demjenigen Aufgaben abzunehmen.

Durch die Subsidiarität wird das Recht kleiner sozialer Einheiten gewahrt, ihre Angelegenheit selbst zu regeln.

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