Wandern

Bisweilen kann es ja vorkommen, dass die Gedanken unsortiert im Kopf herumsausen und uns in Unruhe versetzen. Klarheit wünschen wir uns zwar, aber sie stellt sich nicht ein. Da gibt es eine Empfehlung, um wieder den Durchblick zu gewinnen: Wandern.
Beim Wandern wird der Leib in Bewegung gebracht, und zwar in eine rhythmische. Die Bewegung stimuliert den Kreislauf und die Muskeln. Wir werden hell wach. Meines Erachtens überträgt sich das nach einer gewissen Zeit auch auf den Geist. Dieser kommt in eine gleichmäßige Bewegung, und unser Denken gewinnt durch den Rhythmus des Gehens an Intensität. Wir können uns so auf einen Gedanken leichter konzentrieren und lästige Ablen-kungen ausblenden. Manches Beiläufige, das zuvor einem vielleicht den Durchblick versperrte, verfliegt, und das Wesentliche tritt in Erscheinung. Vielleicht inspiriert der freie Raum auch zu anderen Gedankengängen. Allerdings braucht das wandernde Denken etwas Geduld und Demut. Man kann es nicht machen oder erzwingen. Der klare Gedanke (oder Durchblick) stellt sich ein, wann er will, und nicht, wann ich es will.
Meine Empfehlung: Nehmen Sie beim Wandern etwas zu Schreiben mit. Manchmal blitzt ein heller Gedanke auf, der nicht wieder entweichen soll. Dann sind eine Bank, Stift und Papier sehr hilfreich.
Bei der Lektüre des Thomas von Aquin habe ich mich häufig gefragt, wie er zu so präzisen und schnörkellosen Einsichten gelangte. Als Bettelmönch durfte er keinen Wagen benutzen und musste alles zu Fuß gehen. Auf diesen Märschen durchwalkte er seinen Gedankengang, so mein Eindruck, und schrieb abends das Ergebnis auf.

Beim Wandern kann man auch sehr gut Gespräche führen. Die Gesprächspartner haben einen gemeinsamen Weg, gehen im gleichen Tempo und finden wahrscheinlich auch einen gemeinsamen Rhythmus. Sie haben vieles gemeinsam und damit eine solide Basis. Das Zuhö-ren gelingt beim Wandern viel leichter als am Tisch. Auch ist das Schweigen beim Wandern nicht peinlich. Die Gesprächspartner können wortlos eine Zeit nebeneinandergehen, ohne Angst haben zu müssen, die Kommunikation sei zerbrochen und nicht mehr möglich. Damit will ich sagen, beim Wandern gelingen Zuhören und gemeinsames Nachdenken eher als in anderen Situationen.
Platon gibt ein sehr schönes Beispiel dafür: Drei Freunde gehen in Athen vom Phaleron, dem alten Hafen, in die Stadt hinauf. Einer der Drei will wissen, was für Reden auf dem Symposion gehalten wurden, und Apollodor nutzt die Wegstrecke, um den anderen beiden zu erzählen, was er vom Symposion gehört hat. „… ist doch der Weg in die Stadt hervorragend geeignet, im Gehen sowohl zu reden als auch zu hören.“ (Platon, Symposion 173b)

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