Weisheit – und zwar die menschliche

Sicherlich trage ich heute Eulen nach Athen, aber vielleicht tut auch eine Erinnerung gut. Das Thema Weisheit interessierte die Menschen schon immer, weil sie bald entdeckten, dass nicht nur in den Fäusten, sondern auch im Wissen Macht steckt. Insbesondere wenn eine scheinbare Weisheit das Deutungsmonopol erlangt oder die intellektuelle Lufthoheit erobert hat, wenn hypothetisches Wissen als der Weisheit letzter Schluss verkauft wird, dann scheint es sinnvoll an den Steinmetz aus Athen, an Sokrates (469 – 399 v. Chr.), zu erinnern. Nur bei Sokrates war die Pythia, das delphische Orakel, ein einziges Mal mit ihrem Spruch eindeutig: „An Weisheit nimmt es niemand auf mit Sokrates“. Er kann es nicht fassen, weil er sich selbst nicht so einschätzte und ganz andere helle Köpfchen in Athen als weise galten. Nun lass ich ihn selbst zu Wort kommen.

„Ich habe nämlich, ihr Athener, diesen (zweifelhaften) Ruf durch nichts anderes als durch eine gewisse Weisheit erlangt. Durch was für eine Weisheit? Durch eine, die vermutlich die eigentlich menschliche Weisheit ist. … Über meine Weisheit – was sie ist und worin sie liegen mag – biete ich euch den Gott von Delphi als Zeugen an. Ihr kennt den Chairephon; er war mein Freund von Jugend auf, und er war auch Freund von vielen unter euch. … Ihr wisst doch, wie Chairephon war, wie konsequent in allem, was er anpackte. Einst, als er nach Delphi kam, wagte er, folgenden Wahrheitsspruch zu begehren …: Er fragte also, ob jemand weiser sei als ich. Da leugnete die Pythia und sagte, niemand sei weiser. Und dies kann sein Bruder hier bezeugen, da jener bereits verstorben ist.

Bedenkt nun, warum ich das erzähle; ich will euch nämlich klarmachen, wie die gegen mich gerichtete Verleumdung entstanden ist. Nachdem ich das gehört hatte, dachte ich bei mir: ‚Was meint der Gott? Was deutet er an? Ich bin mir doch dessen bewusst, dass ich weder viel noch wenig weiß. Was meint er mit der Behauptung, ich sei der Weiseste? Lügen wird er wohl nicht; das ist nicht sein Stil.‘ Lange Zeit war ich unsicher, was er meine; schließlich nahm ich, wenn auch mit Zagen, die Sache auf folgende Art in Angriff:

Ich wandte mich an einen, der als weise galt, um bei ihm, wenn irgendwo, den Spruch zu widerlegen und dem Orakel nachzuweisen: ‚Hier ist jemand weiser als ich, obwohl du auf mich gedeutet hast.‘ Als ich mir nun den Mann genauer anschaute – sein Name tut nichts zur Sache, er war aber ein Politiker -, als ich den nun ins Auge fasste, erging es mir wie folgt, ihr Athener: Es schien mir, er halte sich selbst für besonders weise und werde auch von vielen anderen Menschen so eingeschätzt, aber im Gespräch war er es nicht. Nun versuchte ich ihm zu zeigen, er glaube nur, weise zu sein, sei es aber nicht; dadurch machte ich ihn und viele der Anwesenden wütend. Im Weggehen dachte ich bei mir selbst: Weiser als dieser Mensch bist du wohl. Denn es mag zwar sein, dass keiner von uns beiden etwas Schönes und Gutes weiß, aber der da glaubt in seiner Verblendung, etwas zu wissen, ich dagegen maße mir kein Wissen an, wenn ich nichts weiß. Ich bin also um eine Kleinigkeit weiser als er, weil ich das, was ich nicht weiß, auch nicht zu wissen glaube.“ Platon. Apologie des Sokrates 20d – 21e

Anscheinend liegt die menschliche Weisheit im Erkennen der eigenen Grenzen, im Wissen um den hypothetischen Charakter unserer Einsichten oder man erliegt der Gefahr der Borniertheit. Vielleicht liegt die menschliche Weisheit in einer Demut des Geistes.

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