Wertschätzung

Das Wort Wertschätzung kommt gegenwärtig vor allem im Kontext des Führungsverhaltens vor. So wird von wertschätzender Führung gesprochen, und die meisten meinen damit, dass der Chef loben und nicht nur meckern soll. Allerdings ist das nur die halbe Wahrheit, denn es gibt sowohl lobende Wertungen als auch tadelnde. Tadel und Abmahnung sind durchaus Wertschätzungen, die allerdings der Empfänger nicht gern hören will. Die Chefin oder der Lehrer geben nicht einfach Feedback, wenn sie eine Arbeit für gut heißen oder monieren, sie werten und geben ein Urteil ab. Ob das in Form einer Note oder Beförderung geschieht, sei dahingestellt. Dabei darf der Empfänger ruhig fragen, nach welchen Kriterien der Bewertung oder mit welchem Zollstock das Urteil gefällt wird.

Damit will ich sagen, dass Wertschätzung nicht einfach Lobhudelei ist. Übrigens kommen beim Empfänger rituelle Lobessprüche auf die Dauer nicht gut an. Als ehrlich wird ein Lob dann wahrgenommen, wenn auch Fehler als solche benannt wurden. Mein Lehrer Josef Pieper bemerkte einmal: Die schlimmste Lüge sei die Schmeichelei, denn diese Lüge hören wir gern und wehren uns nicht dagegen.

Vielleicht noch ein Hinweis aus der Philosophie: In unserer Wertschätzung (Ästimation) sind wir in der Regel emotional gefangen reflektieren sie nur selten. Blaise Pascal nennt das „logique di coer“ (Logik des Herzens) und Daniel Goleman „emotionale Intelligenz“.

In einer Situation empfinden wir Gefühle und erleben uns in einer gewissen Stimmung. Diese Gefühle können Liebe, Hass, Zuneigung, Ekel, Bewunderung usw. sein; die Stimmungen können Begeisterung, Traurigkeit, Langeweile … sein. Auf dieser emotionalen Basis werten wir und kommen zu unseren Wertschätzungen. Bei unseren Wertungen spielt allerdings auch noch unser Habitus, also unser Charakter, ein Rolle. Ein gelassener Mensch kommt zu anderen Wertschätzungen, als ein Karrierebewusster. Damit will ich sagen, in unseren Wertungen sind wir emotional und habituell gefangen und kommen nicht aus unserer Haut heraus.

Allerdings können wir reflektieren, wie wir zu unseren Wertschätzungen kommen. Nach Kriterien und Maßstäben können wir sie befragen und prüfen, das heißt, wir bemühen die Vernunft. Wir können auch mit Freunden das Gespräch suchen, was auch meine Empfehlung wäre, denn sie haben nicht meine blinden Flecken.

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