Wirklichkeit

Die Frage nach der Wirklichkeit zieht sich wie ein roter Faden durch die Philosophie und wird Menschen auch künftig beschäftigen. Darum möchte ich auch nur einen Aspekt ansprechen, denn landläufig versteht man unter Wirklichkeit die harten Fakten und Tatsachen.

Das Wort „Wirklichkeit“ haben wir der deutschen Mystik, und so viel ich weiß Meister Eckhart aus Erfurt, zu verdanken. Wenn wir dieses Wort auseinandernehmen, heißt das so viel wie: Wirklichkeit ist das, was wirkt, was auf mich einwirkt. In der Tat wirken Dinge und Ereignisse auf mich ein, die einfach so sind, wie sie sind, und die ich nicht ändern kann. Wie kommt es, dass Meister Eckhart diesen Akzent setzte? Das mittelalterliche (Küchen)Latein hatte für das, was wir heute Wirklichkeit nennen, zwei Wörter: „realitas“ und „actualitas“.

Mit „realitas“ – von „res“ das Ding, die Sache, der Gegenstand, etwas – wurde die Dinglichkeit der Wirklichkeit betont. Darunter verstehe ich die Wand, die eben für meinen Kopf ein harter Gegenstand ist und an der ich mir den Kopf bisweilen blutig schlage, wenn ich das Vorhandensein dieser Wand nicht respektiere – also keine Rücksicht auf sie nehme.

Das andere Wort heißt „actualitas“ – von „actus“ einer lateinischen Übersetzung des griechischen Wortes „energeia“ Handlung, Akt, Aktualisierung der Möglichkeit – und betont den Wirkungszusammenhang oder die Einwirkung. Und in der Tat wirken nicht nur Gegenstände auf uns ein, sondern auch Ereignisse wie fallende Aktienkurse. Diesen Akzent der Wirkung betonte Meister Eckhart und hat das deutsche Wort Wirklichkeit im Blick.

In der Wirklichkeit geht es also nicht nur um harte Fakten, sondern auch um die Wirkung, die sie auf uns haben, denn Dinge und Ereignisse stehen nicht einfach isoliert nebeneinander. Wenn ich zum Beispiel VW-Aktien habe und der Kurs dieser Aktie steigt, ist das eine andere – und auch noch harte – Wirklichkeit als für Marianne Mustermann, die keine VW-Aktien besitzt. Mit Meister Eckhart möchte ich damit betonen, dass sich Wirklichkeit nicht nur auf Dinge und Gegenstände beschränkt, wie die platten Materialisten meiner Kindheit („Ich glaube nur an das, was ich mit beiden Händen anpacken kann.“) behaupteten; sondern auch – und vor allem – Wirkungszusammenhänge zwischen Gegenständen, Personen, Ereignissen und Fakten einbezieht.

Wahrscheinlich haben wir im Deutschen darum die beiden Worte Wirklichkeit und Realität. Summe: „Wirklichkeit ist das, was wirkt, was auf mich einwirkt, und so ist wie es ist.“

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