Wirklichkeit und Möglichkeit

Wenn etwas nicht ist, dann ist es noch lange nicht nichts. Was soll dieser Satz? Sitzt ein Klavierspieler im Cafe, trinkt eine Tasse Tee und liest dabei die Zeitung, dann spielt er zwar nicht Klavier, aber er könnte es – im Gegensatz zu mir, denn ich kann nicht Klavier spielen. Es macht also einen Unterschied, ob jemand etwas kann oder nicht kann, auch wenn tatsächlich nichts passiert.

Diesen Unterschied nennen die Philosophen Möglichkeit (dynamis, potentia) und Wirklichkeit (energeia, actus). So verstanden, ist die Möglichkeit eine latente Wirklichkeit, etwas, was sozusagen auf dem Sprung zur Wirklichkeit ist. Der Klavierspieler kann also von seinem Tisch aufstehen, sich ans Klavier setzen und spielen. Dann zeigt es sich, dass er ein Klavierspieler ist.

Insbesondere unsere Wirtschaftswelt lebt von dieser Differenz. Kaufleute sprechen von Marktpotentialen, die es zu finden und zu heben gilt. Dann werden Potentiale realisiert. Aber auch die Bibel (Matthäus 25, 14-30) spricht von Talenten, mit denen wir wuchern sollen. Wird das Talent vergraben oder bleibt es brach liegen, versündigt sich man sich gegenüber seinem Schöpfer.

In der Ethik, insbesondere in der Nikomachischen Ethik des Aristoteles, ist die Möglichkeit (dynamis) etwas, das den Menschen speziell kennzeichnet und ihn als moralisches Wesen markiert, denn Menschen sind frei und haben Handlungsalternativen, d.h. sie können auch anders handeln. Ethik beschreibt, was Menschen sein können. Die menschliche Natur hat jedem das Vermögen, Mensch zu sein, in die Wiege gelegt. Aufgabe eines jeden ist es, dieses Vermögen zu realisieren. Mit einem infantilen Bild gesprochen: Als Kinder haben wir gefragt, warum ein Schwein nicht Rad fahren kann. Weil es keinen Daumen zum Klingeln hat, lautete die Antwort. Wir haben einen Daumen und können in der Tat Rad fahren.

Vielleicht mag das zu banal klingen, ist es aber nicht. Wirklich Mensch-Sein macht sich nicht von allein und darum werden Menschen erzogen, lernen das Sprechen und mit ihrer Hand umzugehen. Die menschliche Hand kann vieles – streicheln und schlagen, schreiben und malen … Aber sie muss es nicht. Diesen langwierigen und mühsamen Weg der Verwirklichung des menschlichen Vermögens nannten die 68er „Selbstverwirklichung“ und lagen damit gar nicht – bis auf die Überbetonung des „Selbst“ – falsch.

Zur Realität gehören – insbesondere im Bereich des Menschen – die Modalitäten Möglichkeit und Wirklichkeit.

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